Historie

Vom Steinhof zur Borgeler Linde

Die ganze Geschichte um unser Landbrot brachte der Borgeler Pastor ins Rollen. Er traute an einem Januartag des Jahres 1868 den Bauernsohn Christoph Steinhoff vom Steinhof neben der Kirche und die Gastwirtstochter Wilhelmine Kappelhoff von der Borgeler Linde. Mit dieser Einheirat in den Gasthof hielt zugleich der Name Steinhoff Einzug in das alte Fachwerkhaus, das alle als Borgeler Linde kennen. Ein Jahr danach kam der erste Sohn der Eheleute zur Welt. Sie nannten ihn Viktor Friedrich Heinrich Dietrich Gerhard – oder einfach Fritz.
Als Fritz Steinhoff ein Vierteljahrhundert später wieder auf sich aufmerksam machte, war er Bäckermeister, der in Soest Berufserfahrung gesammelt hatte. Eines Tages holte er sich einige Säcke Mehl von der Borgeler Mühle und eröffnete auf dem väterlichen Grundstück an der Linde seine eigene Bäckerei. Wir wissen nicht genau, wann das erste Landbrot den Ofen verließ. Als 1951 die Goldene Hochzeit von Fritz und Wilhelmine gefeiert wurde, erwähnte ein Zeitungsbericht darüber 1894 als Jahr der Firmengründung. Eine amtliche Bestätigung gibt es aus dieser Zeit nicht – man brauchte ein Gewerbe ja noch nicht anzumelden. 
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Gasthof und Saalbetrieb an der „Borgeler-Linde“

Am Anfang war der Sauerteig

Als Fritz die ersten Bauernstuten mit dem eigenen Sauerteig backte, packte seine Mutter kräftig mit an. Auch als der erste Lehrling in die Backstube kam, half sie weiter mit. Und wenn dieser es ihr nicht gut genug machte, dann gab’s auch schon mal eins „hinter die Löffel“. Bald war der Betrieb aus dem Gröbsten heraus.
Doch nicht nur der Sauerteig an der Linde nahm an Volumen zu. Im Ruhrgebiet boomte die Stahlerzeugung, und ganz bedächtig wagte sich der Fortschritt auch in den Kreis Soest. Die Zuckerfabrik brachte Aufschwung in die Landwirtschaft. Die Landstraßen der Börde, bis kurz zuvor noch weitgehend unpassierbar, erhielten Abschnitt für Abschnitt eine neue Decke. Die gute alte Zeit stahl sich behutsam davon.
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Fritz Steinhoff

Nach alter Art gebacken

Im Betrieb war von einer neuen Zeit zunächst nur wenig zu merken. Die alte Art zu backen, die Arbeitsbedingungen zur Zeit der Firmengründung, erscheinen heute wie aus einer anderen Welt. Elektrizität, Automatisierung und Motorisierung lagen noch in weiter Ferne.

Die erste mechanische Hilfe war eine einfache Knetmaschine. Sie bezog ihre Kraft über einen Göpel. Das war ein System von Zahnrädern, die ein Ochse durch ständiges Laufen im Kreis über eine Drehdeichsel in Bewegung setzte. Auch Wasser pumpte er auf diese Weise hoch.
Das Brot backte Fritz Steinhoff dann im Steinofen, der mit Holz befeuert wurde. Jeder Laib musste einzeln auf einem langen Holzschieber in die Ofenhitze geschoben werden. Wie dann die Brote zu den Kunden gelangten, das war ein Kapitel für sich.

Vorwärts mit Steinhoffs Landbrot

Langsam weitete sich der Kundenstamm. Immer mehr Höfe der Niederbörde wurden beliefert. Die Bäuerinnen bekamen zehn und mehr Brote die Woche, denn es lebten ja noch viele Menschen auf den Höfen.

Als im ersten Weltkrieg die Pferde requiriert wurden, plagte die Familie sich mit einem Ochsen vor dem Wagen ab, der seinen eigenen Kopf hatte. Einmal ging er dem Kutscher auf der Osthofenstraße durch, ein anderes Mal war er nicht von den Schienen der Kleinbahn zu bewegen.
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Warmblutgespann, 1926
Sehr alte Soester haben auch noch ein schmuckes Warmblutgespann vor Augen, das vor dem Steinhoff-Wagen ging. Die schönen Pferde trugen blankes, mit Glocken besetztes Geschirr. Ein Bild aus dem Jahre 1926 zeigt den großen, kastenförmigen Wagen, den sie zogen. Noch lange hielt Fritz Steinhoff an der altbewährten Transportmethode fest. Zuletzt zog der Wallach „Bubi“ den Brotwagen, bis auch er 1958 in den wohlverdienten Ruhestand ging. Die Bäckerei hatte sich unterdessen deutlich vergrößert, einige Jahre lang wurden Brote sogar mit der Bahn ins Ruhrgebiet geschickt.

Fritz Steinhoff war über vierzig Jahre lang Chef der Bäckerei, der Gast- und Landwirtschaft, unterstützt von seiner Frau Wilhelmine, einer großen Familie und vielen Mitarbeitern. „De aolle Steinhoff“ nannten ihn die Borgeler. Als er im Juni 1951 starb, ging der Betrieb in die Hände seines ältesten Sohnes Albert über, der 1942 mit seiner Frau Wilhelmine, geborene Maas, eine Familie gegründet hatte.

Das nicht immer tägliche Brot

Albert Steinhoff hatte als Ältester seit seiner Jugend mit in der Backstube gestanden. Er durchlebte im Laufe der Zeit eine lange Folge von grundlegenden technischen und sozialen Veränderungen. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Linde Stromanschluss erhielt, zogen die ersten elektrischen Maschinen ein und erleichterten die schwere Arbeit. Am Ende seines aktiven Berufslebens standen schließlich ein fortschrittlicher Ofen mit ausfahrbaren Backplatten und moderne Knetmaschinen in der Backstube.
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Albert Steinhoff
Der Wandel der Arbeitswelt ging einher mit dem Zuzug und Fortgang unterschiedlichster Menschen, die hier lebten und arbeiteten. Auf der einen Seite die, die das Brot backten: die große Familie, zuerst unterstützt von Gesellen, Dienstmädchen, Lehrlingen und während der Kriegsjahre auch von Zwangsarbeitern aus Polen und Frankreich , die ebenfalls mit Familienanschluss auf der Borgeler Linde lebten. Später wurden auch Bäckermeister, Verkäuferinnen und Brotfahrer angestellt. Auf der anderen Seite die Menschen, die das Brot aßen, und denen es zu den verschiedenen Zeiten mal sehr, mal weniger wichtig war.

In der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg kletterten die Brotpreise in die Milliarden. Am 2. November 1923 kosteten 500 Gramm Brot 260 Milliarden Mark. In der Kriegs- und Nachkriegszeit gab es Brot nur in kleinen Mengen auf Bezugschein. Jeder Bezugschein berechtigte zum Verbrauch von 250 Gramm Brot oder 175 Gramm Mehl. In besseren Zeiten verblassten die Erinnerungen an die schlechten Jahre, und die Kunden legten immer größeren Wert auf eine breite Auswahl und gute Qualität von Brot und Kuchen.

Als Albert Steinhoff 1972 den Betrieb an Tochter und Schwiegersohn übergab, war die Gastwirtschaft bereits verpachtet. 1980 wurde sie geschlossen.

Jeden Morgen frisch

Auch Annelie Steinhoff war früh in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Ihrer Rolle als weiblicher Lehrling im Bäckerhandwerk haftete noch ein Hauch von Pioniergeist an. Als sie 1967 ihre Meisterprüfung unter lauter Männern machte, war das noch ein Unterfangen, das Aufsehen erregte. Vier Jahre später heiratete sie den Zimmermeister Hans Droste aus Lohne. Er machte bald darauf auch seine Meisterprüfung im Bäckerhandwerk und übernahm mit dem Beruf auch den Namen Steinhoff.
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Annelie Steinhoff in der Backstube
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Hans und Annelie Steinhoff
Karin Steinhoff, die Tochter von Annelie und Hans, entschloss sich recht spät, den Familienbetrieb zu übernehmen. Erst, als die Eltern schon mögliche Pächter einluden, brach sie kurzerhand ihr Studium ab und ging in die Lehre. In Münster schloss sie ihre Konditorenlehre als Beste ihres Jahrgangs ab. Es folgte 2000 die Meisterprüfung als Bäckerin und der Lehrgang zur Betriebswirtin des Handwerks, den sie 2001 ebenfalls als Beste abschloss. 2003 übernahm sie von den Eltern die Leitung des Familienunternehmens. Ihr Motto lautet „Zukunft braucht Herkunft“, ihr Credo ist das handwerklich natürliche Backen mit besten Zutaten. Der Erfolg gibt ihr recht: Der Name Steinhoff bürgt für beste Qualität und steht inzwischen über der Tür von sieben Bäckereien in Welver, Soest und Bad Sassendorf.
Die nächste Generation der Steinhoffs steht schon parat: Die Brüder Johannes und Etienne sind zumindest schon einmal Fans der Familien-Backwaren und oft in der Backstube zu Besuch. Und so heißt das Baguette der Steinhoffs „Etienne“, und nach Johannes ist eine Torte benannt …
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Johannes und Etienne Steinhoff – Namensgeber zweier Steinhoff-Produkte sowie große Fans der hauseigenen Backwaren
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